Pressetexte
Text aus den "Meerbuscher Nachrichten" vom 14.07.2004

Lockruf der Ferne

So ganz taufrisch sieht sie nicht mehr aus, die XT 600. Wäre auch ein bisschen viel erwartet nach 18 Jahren und mit einer Tour von Alaska nach Feuerland auf dem betagten Buckel.

Ralf Löther drückt versuchsweise auf den Anlasserknopf am Lenker seiner Maschine: Nach einigen dezenten Hustern springt der Motor an. Und die hält? „Die hält", spricht der Besitzer und schaut einen Moment, als wollte er hinzufügen „Muss halten." Muss sie ja auch, und zwar mindestens noch drei Jahre, auf einer Reise um die halbe Welt. Anfang August ist es soweit: Dann kehren Ralf Löther und seine Frau Eva Bösinghoven den Rücken und starten auf ihren Motorrädern in ihr zweites großes Abenteuer. Von 1998 bis 2000 knatterten die beiden 60 000 Kilometer über den amerikanischen Kontinent. „Das wir noch einmal fahren würden, war sofort klar", erzählt Eva, „damals hat uns der Reisevirus gepackt." Jetzt, kurz vor dem nächsten Trip ins Ungewisse, steigt das Fieber wieder.

„Wir lassen uns treiben"

Die Wohnung muss aufgelöst werden, die Katze braucht ein neues zu Hause und die Verabschiedung von Freunden und Familie zieht sich nun schon seit Wochen hin.

Ralf und Eva sind mitten im Vorbereitungsstress. Das Wichtigste ist das Visum nach Mauretanien. Sobald das da ist, geht es los. Minutiöse Reiseplanung ist bei einer solchen Unternehmung eigentlich unmöglich und von den beiden auch gar nicht gewünscht: „Wir wollen uns treiben lassen." Die grobe Route allerdings steht fest: Zunächst einmal ans Mittelmeer und von Frankreich oder Spanien übersetzen nach Marokko. Dann an der afrikanischen Westküste entlang bis zum Kap, eventuelle Abstecher gen Osten nicht ausgeschlossen. Ein Jahr Aufenthalt auf dem schwarzen Kontinent ist vorgesehen. Von dort wollen die zwei nach Neuseeland und Australien. Wenn alles klappt, wie sie sich das vorstellen geht es über Asien zurück in Richtung Heimat.
Ob wirklich alles klappt steht freilich noch in den Sternen. Ralf und Eva sind sich der Risiken, die mit einer solchen Reise verbunden sind durchaus bewusst. Motorradpannen und Probleme an der Grenze sind da noch das Geringste. Gleichwohl ist das Paar guter Dinge, schließlich ist die Fahrt von Alaska nach Feuerland, abgesehen von einem gestohlenen Rucksack, auch weitestgehend reibungslos verlaufen. Verhandlungen formeller Natur, beispielsweise an Grenzübergängen, wurden schon damals prinzipiell von Eva erledigt. „Frauenbonus", grient Ralf. Hat prima funktioniert. Nichtsdestotrotz bleibt eine gewisse, durchaus auch reizerhöhende Unsicherheit. So ist das nun mal wenn man vieles dem Zufall überlässt. „Wir reisen ohne große Pläne, aber nicht blauäugig und ohne je unser eigentliches Ziel zu vernachlässigen", sagt Ralf. Das Ziel ist die Komplettierung der 1998 mit der ersten Fahrt begonnenen Weltreise und dafür verzichten sie auf einiges: Eva ist von Beruf Erzieherin, ließ sich von ihrem Arbeitgeber für drei Jahre beurlauben. Ralf kündigte seinen Job als Sozialarbeiter im Bereich Psychiatrie. Keine leichte Entscheidung für jemanden, der nach eigenem Verlautbaren großen Spaß an seiner Arbeit hatte und nicht weiß ob er nach der Rückkehr noch mal etwas Gleichwertiges findet. Dass sie zurückkommen und nicht etwa als Schafzüchter kurzentschlossen in Australien verbleiben steht für die beiden so gut wie fest.
Könnte allerdings durchaus auch länger dauern als drei Jahre: „Wir wollen uns in keinen Zeitrahmen pressen lassen. Wir lieben es frei zu sein und zu gehen wohin wir wollen." Klingt ganz so, als wäre auch die kommende Tour längst nicht ihre letzte. Wer weiß? Es gibt noch viel zu entdecken. Und dieser Reisevirus...- unberechenbar ist der.
Wer neugierig ist, wie es Ralf und Eva unterwegs ergeht, sollte hin und wieder einen Blick in ihr Tagebuch unter www.motorradnomaden.de werfen.